THEMEN DER WOCHE
KATHOLISCHE SONNTAGSZEITUNG FÜR DEUTSCHLAND

Ausgabe 46 vom 18./19. November

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Terror-Verbindung nach Somalia?

Islamistische Anschlagswelle im Norden: Experte warnt vor weiterer Radikalisierung

Niedergebrannte Dörfer, ausgebombte Polizeistationen – und ein Kampf gegen scheinbar gesichtslose Guerilla-­Krieger. In Mosambik weckt das Erinnerungen an den Bürgerkrieg, der 16 Jahre lang tobte. Bis 1992 starben fast eine Million Menschen bei den Kämpfen zwischen der linken Frelimo und der rechten Renamo. Weder die beiden Erzfeinde noch die Mosambikaner konnten damals damit rechnen, dass eines Tages ein neuer Feind die Nation in Angst versetzen würde: Islamisten.

Generell gilt der Südosten Afrikas als gemäßigt, was Glaubensfragen betrifft. Auch während des Bürgerkriegs war Mosambik von religiösem Extremismus verschont geblieben. Das änderte sich, als kürzlich 30 Bewaffnete etliche Polizeistationen und Dörfer im Norden des Landes angriffen. Bei dem Überfall mit Kalaschnikows auf das Dorf Mocímboa da Praia sollen 16 Menschen ums Leben gekommen sein.
Kurz darauf lieferten sich die Extremisten ein Feuergefecht mit Regierungstruppen im Fischerdorf Maluku. Seitdem gleicht der Ort einer Geisterstadt. Ein US-amerikanischer Ölkonzern nahm die Angriffe so ernst, dass er kurzfristig seine Mitarbeiter evakuierte. Die Übergriffe fanden in Cabo Delgado statt, einer mehrheitlich muslimischen Provinz im Norden, an der Grenze zu Tansania.

Keine Ansätze zur Gewalt

Dort formierte sich 2014 eine radikale Gruppierung, erklärt Eric Morier-­Genoud, Religionsforscher und Mosambik-Experte an der Queen‘s University Belfast. „Zunächst pflegte die Sekte radikale soziale und religiöse Ansichten, zeigte aber keine Ansätze zur Gewalt.“ Was sie nun überraschend zu den Waffen greifen ließ, sei völlig unklar, meint Morier-Genoud.
1992 endete der Bürgerkrieg in Mosambik durch den Friedensvertrag von Rom. In der italienischen Hauptstadt hatte die katholische Gemeinschaft Sant’Egidio zwischen Frelimo und Renamo vermittelt. Von der ersten Stunde an dabei war der deutsche Anwalt André Thomashausen, der große Teile des Friedenspakts verfasste.
Er vermutet, die jüngsten Anschläge könnten eine Reaktion auf die Unterdrückung des Islams durch Frelimo sein. Die Regierungspartei habe sich geradezu mit „Besessenheit“ in die Belange der muslimischen Mosambikaner eingemischt, kritisiert Thomashausen. Politische und religiöse Freiheiten habe sie erst nach und nach gewährt. Dies habe zur Sektenbildung geführt.
In die Schlagzeilen schaffen es die Terroristen aus dem Norden vor allem aufgrund ihres Namens. Der sorgt in weiten Teilen Afrikas für Angst und Schrecken: al-Schabaab. Das gleichnamige Terrornetzwerk soll für den jüngsten Anschlag mit fast 400 Toten in Somalias Hauptstadt Mogadischu verantwortlich sein. Morier-Genoud ist jedoch überzeugt: Wenngleich Mosambiks Terroristen die al-Schabaab als Vorbild ansehen, bestehe „keine Verbindung“ zwischen beiden Gruppen.

18 Prozent Muslime

Rund 18 Prozent der Mosambikaner sind Muslime. Hoffnung bereitet Morier-Genoud, dass sie den Terror überwiegend ablehnen: „Wir sollten keine allgemeine Radikalisierung fürchten. Die meisten Muslime in Mosambik sind Sufis.“ Für sie sieht er keine Gefahr, „von islamistischen Ideen, geschweige denn von der Gewalt, verführt zu werden“.
Trotzdem warnt der Historiker vor einer drohenden „Verwurzelung“ der Sekte in der Gesellschaft. Religiöse und politische Spannungen hätten das Leben in Cabo Del­gado zuletzt schwierig gemacht. Der Norden Mosambiks gleiche einem „Pulverfass“. Schuld daran seien unter anderem multinationale Konzerne, die es in der früheren portugiesischen Kolonie auf die reichen Öl- und Gasvorräte abgesehen haben. Zwar bereicherten sie Mosambiks Staatskasse mit harter Fremdwährung – aber meist ohne Gewinn für die lokale Bevölkerung.
Laut Morier-Genoud müsse die Regierung in Maputo ihre Antwort auf die „islamistische Gefahr“ deshalb sorgfältig abwägen: Die Anschläge als „Banditentum“ abzutun, während religiöse und soziale Missstände zugrunde liegen, wäre fatal. Zugleich aber könnte eine übertriebene militärische Antwort zu einer weiteren Radikalisierung führen.

Markus Schönherr

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